Die Kernstadt muss sich nach der Corona-Pandemie neu erfinden – indem sie sich auf alte Tugenden zurückbesinnt: Nutzungsmischung

Nach der Corona-Pandemie wird die Kernstadt anders sein. Wenn die monatelangen Lockdowns endlich beendet sein werden, wird man sehen, wie viele Gastronomiebetriebe, wie viele Einzelhändler, wie viele Kulturprojekte überlebt haben werden. Und wie hoch die Nachfrage nach Büroflächen noch sein wird, wenn das Homeoffice zum Normalfall geworden ist. Die Kernstadt wird nach der Pandemie nicht tot sein, aber sie wird anders werden, als wir es gewohnt waren. Im Einzelnen sehen wir folgende Chancen:

– Die Gastronomie wird nach der Pandemie noch wichtiger werden als vorher, denn sie bringt Leben, Passentenfrequenz, Attraktivität in die Kernstadt. Sie darf sich nicht nur auf die Altstadt beschränken. Dabei sind auch neue Gastronomiekonzepte gefragt, wie überdachte Ganzjahresbiergärten, Lokale mit stilvoller Live-Musik, eher ruhige Kaffeehäuser. Zur Wirtschaftlichkeit kommen wir noch.

– Der stationäre Einzelhandel muss gezielt die Stärken ausspielen, die er gegenüber dem Online-Handel hat. Dazu gehören Anfassen, Riechen, Schmecken, Erleben, Plaudern, Fachsimpeln, Menscheln, On-the-spot-Service. Geschäfte müssen in Zukunft mehr Erlebnisse bieten, damit sie sich im Wettbewerb mit den Online-Händlern behaupten können. Pop-up-Stores sind kostengünstig, flexibel, trendy.

– Wir müssen gleichzeitig die Attraktivität der Angebote steigern und die Wirtschaftlichkeit, d.h. Flächenproduktivität. Wie kann das gehen? Erstens durch Nutzungskombination, also beispielsweise Buchhandel + Café + Delikatessen oder Boutique + Bistro oder Eisdiele + Bar oder Reisen + Wellness… Zweitens durch 24/7-Nutzung von Immobilien, was auch die Verödung einzelner Quartiere an bestimmten Tagen und zu bestimmten Zeiten verhindert.

– Multifunktionale Erlebniszentren mit einer vielfältigen Mischung von Nutzungen können auch eine Perspektive für ehemalige Kaufhäuser darstellen.

– Erlebniskumulation steigert die Attraktivität. Zum Beispiel bietet ein Hot Tub Cinema die Kombination von Kino, Wellness, Trinken, Essen und Party. Die Zeit der monofunktionalen Nutzungen ist vorbei. Das gilt auch für öffentliche Gebäude und Kulturstätten.

– Sterilität muss vermieden werden. Das geht am besten durch die Wiedererweckung einer alten urbanen Tugend, die in den letzten Jahrzehnten durch die Spezialisierung von Quartieren teilweise verlorengegangen ist: der Nutzungsvielfalt. Nutzungsvielfalt steigert auch den Schlüssel zum Erfolg einer City: die Passantenfrequenz, weil sich die Menschen zwischen den Nutzungen bewegen: Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Freizeit, Gastronomie, Kultur, Entertainment, Behörden…

– Die Kernstadt muss zum Flanieren einladen. Dafür benötigt sie Boulevards, Promenaden, das Rheinufer, multifunktionale Orte, optische Stimuli, aber auch Ungleichwertiges (“natürlich gewachsen”), Ungleichzeitiges („Tag und Nacht“), Ungewöhnliches und Unerwartes. Damit sich eine solche urbane Mischung entfalten kann, müssen auch ökonomische Nischen geschaffen werden für Nutzungen, die keine Spitzenerträge abwerfen, die aber wesentlich zur urbanen Qualität beitragen.

Wie kann man das realisieren? Stichworte sind

-Baukultur, Ambiente, Flair, Stimuli für alle Sinne.
– Planerische, bauliche und städtebauliche Voraussetzungen für Nutzungsmischung.
– Kooperation öffentlicher und privater Akteure, City-Marketing, City-Entwicklung, Business Improvement Districts.
„Center-Management“ für Innenstädte.
– Bereitstellung von Räumen, die vor dem Renditedruck geschützt sind.

Prof. Dr. Volker Eichener (Hochschule Düsseldorf / Aengevelt Research)

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