Wenn wir neues Wohngebiete mit hohen ökologischen Qualitäten und geringer Versiegelung wollen, dann müssen wir möglichst viel Wohnbauland ausweisen

Düsseldorf kann sein Stadtwachstum nicht seinem Umland überlassen. Wenn die Wirtschaft und die Bevölkerung wachsen, dann muss neuer Wohnraum innerhalb der Stadtgrenzen geschaffen werden. Denn schon haben die Verkehrsadern mit 260.000 Einpendlern die Grenzen der Belastbarkeit erreicht. Der Wohnungsmangel in Düsseldorf verlangt nach einer Steigerung der Wohnungsbauleistungen. Zugleich wollen wir aber auch mehr Grün in der Stadt. Wie kann man den Konflikt zwischen Wohnungsbau und Ökologie lösen?
Soll Wohnbauland ausgewiesen werden, regt sich häufig reflexartig Widerstand. „Wir wollen die Stadt nicht noch weiter zubetonieren!“ schallt es Planern entgegen, die etwas gegen die Wohnungsnot tun wollen. Die Berliner haben mit diesem Argument sogar die Randbebauung des ehemaligen Tempelhofer Flughafens gestoppt. Muss Wohnungsbau wirklich gegen ökologische Qualitäten gehen? – „Nein“, sagen die Forscher von Aengevelt Immobilien, „man kann Wohnungsbau heute so gestalten, dass wir nachher sogar höhere ökologische Qualitäten realisieren.“
Eines der Hauptargumente gegen den Wohnungsbau ist die Versiegelung. Aber man kann heute Wohnungsbau mit einem Versiegelungsgrad von Null betreiben. Dazu gibt es sogar mehrere Möglichkeiten:
Erstens kann der Niederschlag auf Gründächern versickern, in der Erdkrume gespeichert werden und dort die Vegetation versorgen. Gründächer bieten Lebensräume für Insekten, können als attraktive Dachterrassen genutzt werden, stellen Lebensräume für Insekten dar, bieten gute Wärmedämmung und wirken dem sommerlichen Hitzestau entgegen.
Zweitens kann der Regen, wenn Gründächer nicht realisiert werden können, über kleine Bachläufe in Teiche geleitet werden, die über Retentionsflächen verfügen, welche Starkregen zwischenspeichern und langsam ins Erdreich oder in natürliche Gewässer abführen. Retentionsteiche bieten im Gegensatz zu Versickerungsmulden, die sich nur bei Starkregen füllen, eine Reihe von zusätzlichen Qualitäten: Sie werten das Wohnumfeld auf, schaffen amphibische Lebensräume für eine Vielfalt von Tieren und Pflanzen, wirken im Sommer kühlend.
Drittens kann Starkregen in unterirdischen Zisternen zwischengespeichert werden, um das Wasser kontrolliert ins Erdreich oder in natürliche Vorfluter abzugeben. Alternativ können Kunststoff-Versickerungssysteme (blockförmige Hohlkörper, Versickerungsschächte, -tunnel oder –waben) eingesetzt werden.
Viertens haben die Niederländer, die sich bekanntlich mit Wasserbau sehr gut auskennen, sogenannte „Water Plazas“ realisiert, d.h. multifunktional nutzbare Quartiersplätze, die bei Starkregen zu Retentionsbecken geflutet werden.
Auch das Wohnumfeld kann versiegelungsfrei gestaltet werden, etwa indem Wege, Höfe und andere Flächen mit wasserdurchlässigen Belegen befestigt werden und überschüssiges Wasser durch unterirdische Hohlkörperrigolen der Versickerung zugeführt wird. Insgesamt stehen uns verschiedene, erprobte und bewährte, Maßnahmen zur Verfügung, um beim Wohnungsbau nicht nur einen Versiegelungsgrad von Null zu erreichen, sondern sogar bessere Versickerungsleistungen als bei manchen natürlichen Böden, insbesondere Lehmböden.
Zur Vermeidung von Hitzeinseln trägt jede Art von Grün- und Wasserfläche bei, insbesondere große Bäume, die durch Verschattung und Verdunstung kühlen und zusätzliche Regenrückhaltung bieten. Wohngebiete, die aus Parklandschaften bestehen, die Bäume, Gewässer, Blühwiesen und andere Biotope mit eingestreuten Wohngebäuden umfassen, bieten in jeder Hinsicht höhere ökologische Qualitäten als landwirtschaftlich genutzte Flächen mit ihren Monokulturen. Wohnparks mit hohem Grün- und Wasserflächenanteil können auch öffentliche Fuß- und Radwege sowie Joggingstrecken enthalten, die die Flächen nutzbar machen.
Will man Wohngebiete realisieren, die einen Versiegelungsgrad von Null aufweisen, die urbanen Hitzeinseln entgegenwirken, die Artenvielfalt ermöglichen, die für die Menschen erfahrbar und nutzbar sind, dann müssen diese niedrige Grundflächenzahlen aufweisen, also niedrige Anteile von überbauter Fläche im Verhältnis zur Gesamtfläche. Daraus ergibt sich ein paradoxer Effekt: Wenn man Wohngebiete will, die hohe ökologische Qualitäten aufweisen, dann müssen diese Wohnbauflächen möglichst groß sein. Je mehr Wohnbauland wir ausweisen, desto weniger Versiegelung, desto weniger Wärmeentwicklung und desto mehr CO2-Bindung und Artenvielfalt lassen sich auf diesem Wohnbauland realisieren. Eine restriktive Ausweisung von Wohnbauland schadet dem Umwelt- und Klimaschutz.
Kommen wir zu den ökonomischen Aspekten. Je mehr Bauland ausgewiesen wird, desto niedriger sind die Grundstückspreise. Je niedriger die Grundstückspreise sind, desto geringer ist der ökonomische Druck, das teure Bauland möglichst dicht zu bebauen. Eine großzügige Ausweisung von Bauland trägt also zur ökologischen Gestaltung der Wohnbauflächen bei. Zusätzlich muss berücksichtigt werden, dass parkähnliche Wohngebiete mit niedriger Grundflächenzahl, sorgfältigem Wassermanagement, ökologisch hochwertigen Grünanlagen und öffentlichen Wegen auch der Allgemeinheit zugutekommen, so dass die öffentliche Hand Grundstücke mit geringer Bebauungsdichte zu niedrigeren Preisen abgeben sollte. Alternativ behält die Kommune einen Teil der unbebauten Flächenanteile in ihrem Besitz – was in jedem Einzelfall differenziert zu beurteilen wäre.

Prof. Dr. Volker Eichener (Hochschule Düsseldorf / Aengevelt Research)

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